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40. Jahrgang - InternetAusgabe 2006
SvZ Net 2006
Deutschland

Europa & Geld

 

Wilhelm Nölling

Der Ökonom als Politiker

 

(Festschrift zum 70. Geburtstag; hrsg. v. W. Hankel, K. A. Schachtschneider und J. Starbatty) © Lucius & Lucius, Stuttgart, 2003

„Wisset, daß das Geheimnis des Glücks die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber der Mut ist.“ Aus Perikles‘ Totenrede (Thukjydides, II 43)

Wilhelm Hankel /
Karl Albrecht Schachtschneider /
Joachim Starbatty

Wilhelm Nölling - Politiker und Ökonom (Lebensbild)

 

Wilhelm Nölling war uns bekannt, lange bevor wir ihn als Menschen kennen und als Freund zu schätzen lernten: Ein deutscher Professor der fast ausgestorbenen Paulskirchen -Tradition, der sich nicht scheut, den Elfenbeinturm zu verlassen, wenn es gilt, der Öffentlichkeit Antworten zu den Zeitfragen der Wirtschaft, der Währung und des Sozialen zu geben. Die Demokratie braucht nicht die von oben verordnete Meinung, sondern den Streit um Wahrheit und Richtigkeit. Sie braucht Politiker mit Zivilcourage, wie Wilhelm Nölling, der den Diskurs mit seinen Parteifreunden gerade dann suchte, wenn sie sich in die gefährlichste aller Versuchungen zu verstricken drohten: die Verwechslung von politischem Wunschbild mit ökonomischer Realität.

Für Wilhelm Nölling, den Politiker und Professor, gab und gibt es bis heute nur eine Devise der Überzeugung - die persönliche Glaubwürdigkeit. Ihren inneren Kurswert der nur zu oft niedrigeren Tagesnotiz anzupassen, hat er stets abgelehnt, auch wenn dies mit Konsequenzen für Amt, Karriere oder seine Person verbunden sein konnte.

Obwohl Wilhelm Nölling nicht in Hamburg aufgewachsen ist, gehört er zu Hamburg, zu dieser schönen und stolzen Stadt, zur Freien und Hansestadt Hamburg, seit 700 Jahren Republik. Geboren am 17. November 1933 in dem kleinen Bauerndorf Wemlighausen im Rothaargebirge als Sohn eines hart arbeitenden Waldarbeiters, dessen Vater Landwirt war. Wilhelm Nölling hat einen Zwillingsbruder und zehn weitere Geschwister. Die Familie lebte in kärglichsten Verhältnissen, wie damals fast alle einfachen, zumal großen Familien. Sein Vater wollte nicht auf das Erbe des bäuerlichen Elternhauses warten. Um seiner vielköpfigen Familie eine ausreichende Wohnstatt zu schaffen, zog er ins Oberbergische nach Schloß Homburg, wo er in der Sain -Wittgensteinschen Fürstlichen Forstverwaltung Berleburg arbeitete. Dort hat die Familie in einem großen Haus gelebt, im „Schloߓ, wie andere Dorfbewohner sagten, ohne fließend Wasser, ohne Heizung, ohne Bad. Im Lesen, Schreiben und Rechnen wurde Wilhelm Nölling in einer Zwergschule unterrichtet. Das wichtigste Lernziel seiner Kindheit war der Gehorsam, wobei damals auch der Stock ein Lehrmittel war. Wilhelm war der umsichtige Junge, der gern der geliebten Mutter bei deren schwerem Tagwerk half. Mit Freude hat er auf dem Lande, vor allem auf dem großväterlichen Hof, beim Mähen, Dreschen und Heumachen mitgearbeitet. Der fleißige Schüler, dem das Gymnasium verwehrt blieb, besuchte die Handelsschule, wegen seiner Begabung vom Schulgeld befreit.

Noch als Kind hat Wilhelm Nölling Tod und Zerstörung des Krieges gesehen und eine bleibende „Abscheu vor den Nazi-Greueltaten“ entwickelt. Den Krieg hat seine Familie überlebt. Sein Vater, der kritische Bemerkungen zum Dritten Reich gewagt hatte, mußte trotz der großen Kinderzahl lange ins Feld und kehrte im Sommer 1945 nach Kriegsgefangenschaft auf den Rheinwiesen in Remagen zurück. Die Mutter hat sich, wie alle Mütter in dieser schrecklichen Zeit, für ihre Kinder aufgeopfert. Von 1950 bis 1953 hat Wilhelm Nölling im Arbeitsamt Gummersbach eine Lehrzeit als Angestellten-Lehrling hinter sich gebracht, während derer er viel gelesen hat, Christliches, aber auch Klassisches und Geschichtliches. Er abonnierte die Monatszeitschrift „Der Aufstieg“ und die Wochenzeitung „Christ und Welt“. Das Christentum gewann großen Einfluß auf ihn, vor allem Martin Luther. Von 1948 bis 1953 war er im CVJM.

Wilhelm Nolling suchte seinen Weg aus der Enge des Dorfes und aus der Not der Armut durch Bildung und Ausbildung. Es zog ihn, der die körperliche Arbeit auf Hof und Feld, aber auch auf dem Bau und in der Fabrik nicht gescheut hat, zum Studium. Seine Hoffnung war Hamburg. Zuvor hatte er in der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in Köln wegweisende Begegnungen mit der Wissenschaft und mit namhaften Gelehrten wie Hermann Jahrreiss und Wolfgang Hefermehl. In der Hamburger Akademie für Gemeinwirtschaft eroberte Wilhelm Nölling, seit dem 17. Lebensjahr Gewerkschaftsmitglied, einen Studienplatz. Dort hat er die Grundkenntnisse seiner volkswirtschaftlichen und namentlich sozialpolitischen Wissenschaft erworben. Gefordert und gefördert hat ihn Georg Hummel. Nach sechs Semestern erreichte er den Diplomabschluß und die Hochschulreife. In seiner Akademie, heute die Universitat für Wirtschaft und Politik, hat er gut zehn Jahre assistiert und doziert, sich später aber abgewandt. Ein Stipendium der Stiftung Mitbestimmung ermöglichte Wilhelm Nölling das Universitatsstudium. An der Universität Hamburg studierte er Volkswirtschaftslehre, auch bei Karl Schiller, damals Rektor der Universität, in dessen Seminaren er mit erheblichem Erfolg ein Referat über John Maynard Keynes hielt. Größere Nahe hatte er zu Hans-Dietrich Ortlieb, bei dem er später promoviert hat. Weil das Stipendium knapp bemessen war, hat Wilhelm Nölling neben dem Studium gearbeitet. Keine Arbeit war ihm zu schwer, keine Arbeit war ihm zu schmutzig. Auf großer Fahrt nach Südamerika arbeitete er als „Reiniger unter Deck“, was ihm das Seemannsbuch einbrachte, ein guter Ausweis für den späteren Hafensenator.

Nach einer herausragenden Diplomprüfung erlangte Wilhelm Nölling ein Promotionsstipendium, das ihm ein Forschungsstudium in Berkeley an der University of California ermoglichte. Das führte ihn, seit 1958 mit Maria Straube verheiratet, für mehrere Jahre in die Vereinigten Staaten von Amerika. Die abenteuerlichen Reisen waren eine prägende Erfahrung. Sehr beeindruckt war Wilhelm Nölling von Präsident John F. Kennedy, den er in Berkeley erlebt und dessen Ermordung am 22. November 1963 auch ihn tief erschüttert hat. Den Professoren von Berkeley, J. M. Letiche und auch Lloyd Ulman, blieb Wilhelm Nölling herzlich verbunden. Anglophil war er schon durch eine längere Studienreise nach Großbritannien geworden. Die großen Eindrücke in den Staaten drohten ihn von der Wissenschaft abzulenken, aber Wilhelm Nölling fand zu seinem eigentlichen Ziel zurück und promovierte 1966 über „Arbeitslosigkeit und Berufsnot der Jugend in den USA“. Die Promotionszeit machte „sieben lange Jahre“ aus. Sie hat aber die akademische Persönlichkeit Wilhelm Nöllings hervorgebracht.

Wahrend des Studiums war Wilhelm Nölling im Sozialistischen Deutschen Studentenbund aktiv, für einen Studenten der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg geradezu selbstverständlich; aber diese Mitgliedschaft paßte auch ganz und gar zu Wilhelm Nölling, dessen Leben durch die Verantwortung für Familie und Gemeinwesen bestimmt war und ist. Herkunft und Familie, Kindheit und Jugend, Ausbildung und Studium, aber auch die vielfältigen einfachen oder harten Arbeiten haben die berufliche und politische Persönlichkeit Wilhelm Nöllings geprägt - einheitlich und gradlinig. Mit dem SDS besuchte er als einer der ersten deutschen Studenten Auschwitz. „Juso“ war Wilhelm Nölling nie. 1964 ist er der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands beigetreten. Dieser Schritt hat seiner beruflichen Karriere den Weg geebnet, aber sein politisches Wirken hing und hängt von dieser Parteimitgliedschaft nicht ab. Es ist durch seinen Charakter bestimmt. Wilhelm Nölling ist ein Mann der praktischen Vernunft, sachlich und wissenschaftlich, theoretisch und pragmatisch, den Menschen zugewandt, loyal seinem beruflichen und politischen Umfeld gegenüber, sowohl nach oben als auch nach unten.

Recht bald übernahm Wilhelm Nölling in seiner Partei Funktionen. Von 1966 bis 1969 war er Bezirksverordneter in Eimsbüttel. 1969 wurde Wilhelm Nölling, nachdem er im Kreisverband nach siebenwöchigem innerparteilichen Wahlkampf noch seinem Gegenspieler Peter Blachstein knapp unterlegen war, vom Landesparteitag nach fünfstündigen dramatischen Abstimmungen über fünf Kandidaten als Bundestagskandidat nominiert. Eine Nomination für den Wahlkreis Eimsbüttel war nicht schon das Mandat. Wahlkampf war unverzichtbar. Wilhelm Nölling zog nach großem Einsatz mit sehr gutem Wahlergebnis in Erst- und Zweitstimmen in den Bundestag ein, noch nicht 36 Jahre alt. Er hat die große Wendepolitik der sozial-liberalen Koalition unter der Kanzlerschaft Willy Brandts nicht nur miterlebt , sondern auch mitgetragen. Wilhelm Nölling war aber nicht Deutschland- und Außenpolitiker. Er hatte auch keine persönliche Nähe zu Willy Brandt, nicht einmal zu Helmut Schmidt, sondern war unermüdlicher Sozial- und auch Wirtschaftspolitiker. Er wurde in den Ausschuß fur Arbeit und Soziales entsandt, den der Sozialdemokrat Ernst Schellenberg leitete. Wilhelm Nölling war Obmann der SPD-Arbeitsgruppe. Sein Alter hat es ihm erleichtert, als der „junge Mann von Schellenberg“ lehrreiche Kärrnerarbeit zu leisten.

Wilhelm Nölling hat sich in der VI. Legislaturperiode für große Fragen der Sozialpolitik eingesetzt, für Vermögensbildung, Mitbestimmung, betriebliche Altersversorgung, Krankenhausfinanzierung und Rentenpolitik. Anstandslos wurde er 1972 für die VII. Legislaturperiode wieder für den Bundestag nominiert und gewählt. Als Bundestagsabgeordneter war er 1970 und 1972 zum Kreisvorsitzenden seines Kreisverbandes Eimsbüttel gewählt worden, der stets umkampften Basis seiner politischen und beruflichen Karriere, die ihm einflußreiche Ämter der Freien und Hansestadt Hamburg und große Verantwortung fur die Hansestadt und auch für Deutschland gebracht hat. Schnell hat Wilhelm Nölling den Respekt seiner Partei und seiner Fraktion gewonnen, wesentlich durch seine fachliche Kompetenz, aber auch durch Einsatzbereitschaft, Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit. Karl Schiller, Superminister für Wirtschaft und Finanzen, wollte ihn zum Parlamentarischen Staatssekretär machen, konnte sich aber in der Fraktion nicht durchsetzen. Ob Wilhelm Nölling mit einer Bonner Karriere glücklicher gewesen wäre als mit seiner Hamburger Karriere, ist zweifelhaft. Hamburg hat ihn in die höchsten Amter berufen.

Fast unausweichlich war es in den frühen 70er Jahren für sozialdemokratische Akademiker, Karl Marx zu studieren. Wilhelm Nölling hat diese Studien mit der Lektüre von August Bebel bereichert. Tiefgreifend kann Marx auf Wilhelm Nölling nicht gewirkt haben. Wilhelm Nölling war zu christlich, zu britisch, zu amerikanisch, aber auch zu wenig Ideologe, als daß er sich von marxistischen Theorien hätte in die Irre führen lassen. John Maynard Keynes hat ihn mehr beeindruckt. Sein Impetus war die soziale Gerechtigkeit im Rahmen einer marktwirtschaftlichen Ordnung. Er war ein Vertreter der marktlichen Sozialwirtschaft, wie man die von Wilhelm Nölling zeit seines Lebens vertretene Ordnungspolitik nennen sollte, ganz der Idee der Gemeinwirtschaft verpflichtet. Seine Abhandlung zum „Sozialstaatsbruch“ in unserem gemeinsamen Buch „Die Euro-Illusion. Ist Europa noch zu retten?“(2001) erweist diese Position Wilhelm Nöllings.

Schon 1971 wurde Wilhelm Nölling gedrängt, als Senator fur das Schulwesen in den Hamburger Senat einzutreten. 1973 sollte er Senator für Inneres werden. Beides hat er abgewehrt. Die Sozialdemokraten in Hamburg hatten durchaus Schwierigkeiten, geeignete Bewerber für die Senatorenämter zu finden. Auch die Ersten Bürgermeister waren damals recht jung, sowohl Peter Schulz als auch dessen Nachfolger Hans-Ulrich Klose. Die Mandatstätigkeit im Deutschen Bundestag behagte Wilhelm Nölling nicht mehr recht, weniger wegen der Abhängigkeit der Abgeordneten von der Fraktion als vielmehr wegen der ständigen Trennung von der geliebten Familie. So war er bereit, dem erneuten Vorschlag von Oswald Paulig und Ulrich Hartmann, den beiden langjährigen führenden Sozialdemokraten in Hamburg, der erste Landes-, der zweite Fraktionsvorsitzender, zu folgen und als Nachfolger von Hans-Joachim Seeler das Amt des Senators für Gesundheitswesen und Umweltschutz zu übernehmen.

Es war durchaus nicht einfach, die Zustimmung des Landesparteitages zur Kandidatur von Wilhelm Nölling zu erreichen, weil dieser sich durch seine respektable Prinzipientreue das Wohlwollen immer mächtiger werdender Parteigenossinnen verscherzt hatte. Er hatte nämlich mit der CDU gegen die Fristenlösung gestimmt. Er war für die Indikationenlösung eingetreten und ist darin vom Bundesverfassungsgericht bestätigt worden. Seine „tief empfundene Ehrfurcht vor dem Leben“ hat er aus seiner Familie mitgebracht, war aber auch durch sein Christentum geboten. Die Genossinnen ließen sich auch nicht dadurch überzeugen, daß manch ein bedeutender Sozialdemokrat mit der Fristenlösung keine Lebenschance gehabt hätte, zumal Willy Brandt nicht. Eine materialistische, hedonistische Lebenseinstellung ist nicht die Sache eines Wilhelm Nölling.

Mit Freude ging Wilhelm Nölling nach seiner Wahl in den Senat an die Arbeit. Die Senatorentätigkeit war das „Herzstück seines Arbeitslebens“. Vierzig Jahre jung, voller Kraft und mit ganzem Herzen hat Wilhelm Nölling nach dieser Berufung seiner Stadt gedient. Die Arbeit war aufreibend, aber sie hat ihn sehr befriedigt. Wenn es einmal zu viel wurde, hat er sich mit Luthers Spruch weitergeholfen: „Der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen“. Wilhelm Nölling hat gerade als Gesundheitssenator manche Entwicklung angestoßen, etwa den Krankenhausbedarfsplan. Er war ein Mann des „rechten Maßes und des Ausgleichs“. Das brachte ihm einen bemerkenswerten Titel ein: „Der gute Mann aus Schnelsen“. In den letzten drei Monaten in diesem Amt hat Wilhelm Nölling auch noch als Schulsenator amtiert.

Bereits nach zwei Jahren hat Wilhelm Nölling die Nachfolge des Wirtschaftssenators Helmuth Kern angetreten, der - als „Kenner und Könner“ anerkannt -zurücktrat. Dieses schwierige Amt war für den Volkswirt eine Herausforderung. Es war mit vielfältiger Verantwortung, aber auch mit Reisen nach Asien und Afrika, aber auch nach Polynesien und in das geliebte Amerika, verbunden. Wilhelm Nölling erwarb sich die Titel „Senateur Africain“ und „Weltwirtschaftssenator“. Er wurde von Amts wegen Vorsitzender des Aufsichtsrates in den großen öffentlichen Unternehmen Hamburgs, zumal der Hamburger Elektrizitätswerke. In dieser Verantwortung mußte er viele Spannungen und manche Fehlentwicklung aushalten. Im Hamburger Wirtschaftsressort hat jeder Senator einen schweren Stand und eine „wahnwitzige Arbeitsbelastung“. Wilhelm Nölling ist dabei ein Husarenstück gelungen. Er hat für Hamburg einen entscheidenden Anteil an dem Finkenwerder Flugzeugunternehmen Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH, München, „gekapert“, bevor der Freistaat Bayern zugreifen konnte. Seitdem hatte man in München großen Respekt vor dem Hanseaten Wilhelm Nölling.

Schon in den Siebziger Jahren war die steigende Arbeitslosigkeit, verbunden mit übermäßiger Inflation, eine Sorge in Deutschland - die Arbeitslosigkeit freilich auf einem Niveau, das heute Befriedigung auslösen würde. Den Wirtschaftswissenschaftler Nölling hat das in die Pflicht genommen. Er wagte es, dem Bundeskanzler Helmut Schmidt, seinem Hamburger Genossen, eine Investitionspolitik nach keynesianischer Art vorzuschlagen, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, ein „20 Milliarden Konjunkturprogramm“. Helmut Schmidt hat das in der ihm eigenen Weise schroff zurückgewiesen, vor allem weil die Haushaltslage eine solche Politik nicht zulasse.

Immer noch zukunftsweisend ist Wilhelm Nöllings Überlegung, einen Nordstaat zu schaffen, um ein tragfähiges Verhältnis von Stadt und Land herzustellen, in dem die politischen Grenzen mit dem wirtschaftlichen Lebensraum zusammenstimmen - ein Thema, das im Großen auch Europa und die Welt bewegt. Aufsehen erregte sein Vorschlag eines „mehrjährigen Investitionsprogramms zur wachstums- und umweltpolitischen Vorsorge“ (ZIP) aus dem Jahre 1977, als Deutschland über eine Million Arbeitslose hatte.

Nach der Bürgerschaftswahl 1978 ließ sich Wilhelm Nölling von Hans-Ulrich Klose, dem Ersten Bürgermeister, überzeugen, Finanzsenator, erneut als Nachfolger von Hans-Joachim Seeler, zu werden. Damit war er der zweitmächtigste Mann der Hansestadt. Er hatte eine neue Form von Macht, die „Verhinderungsmacht“, die Wilhelm Nölling von der „Initiativ-, der Kontroll- und der Entscheidungsmacht“ unterscheidet. Als „Kassenwart“ der Freien und Hansestadt Hamburg kamen auf ihn ganz neue Herausforderungen und Verantwortlichkeiten zu, zumal die Finanzlage in allen Ländern Deutschlands und auch in Hamburg prekär geworden war. Die Ölpreise und die Kreditzinsen zogen zunehmend an. Wilhelm Nölling legte seine Haushaltsentwürfe nicht nur rechtzeitig, sondern auch ausgeglichen vor. Er hat sich als Finanzsenator außerordentlichen Respekt erworben. Angegriffen wurde Finanzsenator Nölling wegen der „Persienpleite“, zu Unrecht. Die Hamburger Städtebau-Gesellschaft, eines der vielen öffentlichen Unternehmen, hatte während seiner Zeit als Wirtschaftssenator in Bauvorhaben im Persien des Schahs investiert. Nach der theokratischen Revolution brach das „Iran-Geschäft“ mit einen Verlust von fast 250 Millionen DM für Hamburg zusammen. Wilhelm Nölling hatte das Geschäft im Vorfeld abgewiesen, aber die Entscheidungswege waren an ihm vorbeigeleitet worden. Es gab  aber einen  Untersuchungsausschuß,  in dem oppositionelle CDU-Mitglieder ihm am „Zeuge flicken“ wollten - „vergeblich.

Die politische Arbeit wurde auch dadurch schwieriger, daß die Links-Rechts-Konfrontation in der Hamburger SPD sich zuspitzte. Später hat das der Stadt schwer geschadet. Der Erste Bürgermeister Hans-Ulrich Klose rückte in der Atomstrompolitik, die eben auch Umweltpolitik war und zu gewaltsamen Auseinandersetzungen um das Atomkraftwerk Brokdorf geführt hat, mehr und mehr an die Seite der Atomstromgegner, also nach links. Die Diskrepanz zwischen der Senatspolitik und der Unternehmenspolitik der Hamburger Elektrizitätswerke hat damals in Hamburg wenig überzeugt. Wilhelm Nölling hat den Aufsichtsratsvorsitz der HEW niedergelegt. Hans-Ulrich Klose ist schließlich erschöpft zurückgetreten und wurde wieder Bundestagsabgeordneter. Wilhelm Nölling machte seine Sache so gut, daß sowohl die Sozialdemokraten als auch der Deutsche Gewerkschaftsbund ihn 1988 auf Vorschlag von Jochen Vogel als Kommissar für die Europäische Kommission präsentieren wollten. Das Amt wurde jedoch mit Martin Bangemann, der als Bundeswirtschaftsminister mehr oder weniger gescheitert war, besetzt.

1981 lotsten die Hamburger Sozialdemokraten Klaus von Dohnanyi nach Hamburg, dessen Geburtsstadt, und betrauten den vornehmen und gebildeten Mann mit dem schwersten Amt, das die Hansestadt zu vergeben hat. Klaus von Dohnanyi wollte schließlich die gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Hamburger Hafenstraße nicht mehr mitmachen und hat 1988 sein Amt dem Fraktionsvorsitzenden Henning Voscherau mit dem bemerkenswerten Satz überantwortet: „Jetzt spring Du“. Dieser tatkräftige Bürgermeister hat nach der an sich erfolgreichen Wahl 1997 nicht wieder für das Amt des Ersten Bürgermeisters kandidiert, sondern dies dem Vertreter des linken Flügels überlassen, dessen Amtsfuhrung der „ewigen Opposition“ den Weg an die Macht in Hamburg geebnet hat, nicht zur Freude Wilhelm Nöllings.

Im November 1982 schlug Hans Hermsdorf Wilhelm Nölling fur seine Nachfolge im Amt des Prasidenten der Landeszentralbank Hamburgs vor. Deren Beirat gehörte Wilhelm Nölling von Amts wegen seit 1976 an. Er wurde in das Amt berufen und hat diese schöne und verantwortungsreiche Aufgabe zehn Jahre lang bis 1992 wahrgenommen. Gegenüber den Strapazen der Senatsämter war dieses Amt „ruhig und beschaulich“. Wilhelm Nölling konnte sich mehr und mehr in die Theorien der Geld- und Kreditpolitik vertiefen. Daraus sind wichtige Beiträge entstanden, etwa: Europawährung 2000? Start und Aussichten einer europäischen Währungsunion, 1987; Unser Geld- der Kampf um die Stabilitat der Währungen in Europa, 1993; Über die „Angst“ der Afrikaner vor dem Euro, 1998 , letztlich sein Kampf gegen die Währungsunion, den er mit uns, den Herausgebern, führt, immer mit dem Impetus, Europa die bestmöglichen Bedingungen für die Menschen, für alle Europäer, zu schaffen. Aus unserem Bemühen, Schaden von Deutschland und Europa abzuwenden, sind Die Euro-Klage. Warum die Währungsunion scheitern muß, 1998, die Verfassungsbeschwerde des Euro-Prozesses, und Die Euro-Illusion. Ist Europa noch zu retten?, 2001, hervorgegangen. Die Euro-Klage ist bekanntlich gescheitert, weil das Bundesverfassungsgericht den Bürgern Grundrechtsschutz auch gegen die vertragswidrige Einführung der Wahrungsunion nicht zu geben bereit war.

Wilhelm Nölling hat in seiner zeithistorisch lesenswerten, aber bisher nicht veröffentlichten Autobiographie (1989), der die Zitate entnommen sind, aufgeschrieben, was Hamburg auszeichnet und damit von Hamburger Politikern erwartet werden muß: „Friedfertigkeit, Weltoffenheit, Verantwortungsbereitschaft, Nüchternheit, Bürgersinn und Verständigungsbereitschaft“. Er verkörpert diese Eigenschaften wie kaum ein anderer, aber in einem Punkte hat er, der erfahrene Mann, sich geirrt. Er meint: „Opportunisten erreichen die Spitze nicht und können sich jedenfalls in dieser nicht halten“. Wer nicht so hohe politische Amter erreicht hat, ist und bleibt insoweit skeptisch. Auch die Parteien bringen bedeutende Männer und Frauen in wichtige Staatsamter, die Karriere Wilhelm Nöllings beweist es, aber selten, zunehmend seltener. Wilhelm Nölling gehört zu den Männern, die wir in der Politik benötigen. Er ist kein Opportunist, sondern ein Mann der Prinzipien, ein Mann der Sittlichkeit, ein Mann mit Moral. Seine Einbindung in eine Partei hat ihm nicht die praktische Vernunft genommen.

Wenn sich Wilhelm Nölling mit dem Ende seiner Amtszeit als Präsident der Landeszentralbank auch aus dem Staatsdienst zurückgezogen hat, so dient er doch dem Gemeinwesen nach wie vor als akademischer Lehrer, kämpferischer Wissenschaftler und mahnendes Gewissen. Er ist ein „Emeritus“ im Wortsinn geworden, wie jene schlachterprobten römischen Legionäre, die (als emeriti) nach ihrer Dienstzeit das Schwert mit dem Pflug vertauschten, möglichst nicht weit vom Brennpunkt des Geschehens, um bei Gefahr im Verzuge wieder zur Stelle zu sein. Wilhelm Nölling tut seine politische Pflicht als Bürger. „Politik als Beruf“ - dieser Weg Wilhelm Nöllings war richtig für ihn, vor allem aber für seine Stadt und für sein Land.

Wilhelm Nölling ist ein Familienmensch. Seiner Familie hat er immer die Treue gewahrt, seiner Mutter von Herzen, seinem Vater mit Respekt und seinen Geschwistern mit Zuneigung. Sein Einsatz für die soziale Gerechtigkeit ist tief in seiner großen Familie, aber auch in seinem Christentum verwurzelt. Ganz dem Studium und dem Aufbau einer beruflichen Zukunft verschrieben, traf ihn am 26. März 1955 auf dem Hamburger Hauptbahnhof „der Blitz“. Ein Blick genügte, und er drängte sich zu ihr in das vollbesetzte Abteil. Maria wurde seine große und einzige Liebe und ist es bis heute geblieben. Sie ist seine Frau und die Mutter seiner Kinder. Wilhelm Nölling ohne Maria, das gibt es nicht. Sie sind ein Stück Hamburg, Wilhelm Nölling, der gute Mann aus Schnelsen, und Maria - seine geliebte Frau. Wilhelm und Maria haben drei Kinder, Katherine, 1963 in Berkeley geboren, Philip, 1966 in Hamburg geboren, beide wie der Vater als Volkswirte promoviert, und Anna, 1972 auch in Hamburg geboren, heute Lehrerin. Maria ist Wilhelm Nöllings Wegbegleiterin in allen Jahren, in Hamburg, in Deutschland und in der Welt. Es waren Jahre harter Arbeit, aber Jahre des Erfolges, Jahre des Glücks. Seit 1979 haben die Nöllings ihr Heim „Hohe Leuchte“ nahe der Marsch im Nordosten von Hamburg. Dort „leben sie mit Tieren“, mit Hühnern, Enten, Schweinen, Hornissen, Fledermäusen, Schwalben, Turmfalken, auch schon einmal Pferden, auf dem Lande, wie in der Kindheit, freilich anders als damals. Kraft findet Wilhelm Nölling auch in Liedern, Gedichten und Sprüchen, die schönsten hat er in „Hohe Leuchte“ gesammelt. Wilhelm Nölling bleibt ein Mann auch der Stadt, ein Mann Deutschlands, ein Mann Europas und der Welt, eben ein Hamburger.

Zum Hamburger gehört es, daß er Orden ablehnt. Die Ordensregeln, geschrieben und ungeschrieben, hat Wilhelm Nölling immer beachtet. Eine Festschrift aber ist kein Orden, sondern zeichnet den tätigen Mann aus, der sich in der Politik, in Gesetzgebung und Verwaltung, und in der Wissenschaft, in Forschung und Lehre, verdient gemacht hat. Es haben sich viele namhafte Persönlichkeiten, eben aus Politik und Wissenschaft, zusammengefunden, um ihrer Freude Ausdruck zu geben, daß sie Wilhelm Nölling auf seinem Weg begleiten konnten.

Wir widmen diese Schrift dem Freund und Mitstreiter, für den Wissen und Gewissen eine unaufhebbare Einheit bilden. Sie bestimmte in der Vergangenheit sein Denken und Handeln. Sie bleibt auch in Zukunft sein Imperativ.

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